«Getränkekarton-Recycling soll in der Schweiz selbstverständlich werden»
- Chantal Jaun

- 20. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Jan.
Simona Marty ist Geschäftsleiterin des Vereins Getränkekarton-Recycling Schweiz. Täglich setzt sie sich dafür ein, dass Getränkekartons nicht im Abfall landen, sondern zurück in den Kreislauf kommen.

Liebe Simona, wie bist du zum Verein GKR gekommen,
beziehungsweise GKR zu dir?
Eigentlich hat meine Verbindung zu GKR schon einige Jahre vor meinem Einstieg beim Verein begonnen. Nach meiner Zeit im Journalismus habe ich mich beruflich neu orientiert und mich dabei mit der damaligen GKR-Geschäftsführerin Simone Alabor verbunden, die sich in ihrer Arbeit intensiv mit Kreislaufwirtschaft und nachhaltigen Geschäftsmodellen beschäftigte. Diese Themen faszinierten mich – auch wenn der Zeitpunkt für einen Wechsel noch nicht ganz richtig war. Ich habe mich zuerst bewusst für ein paar Jahre in der Agenturwelt entschieden, bevor sich unsere Wege erneut kreuzten. Ende 2023 bin ich als Kommunikations-verantwortliche zu GKR gekommen, und seit Oktober 2024 bin ich nun Geschäftsführerin des Vereins.
Was waren in deiner Zeit als Geschäftsführerin
die schönsten Momente?
Es gab viele, an zwei erinnere ich mich jedoch besonders gerne: Zum einen an den Moment, als wir den Entwurf der neuen Verpackungsverordnung erstmals schwarz auf weiss vorliegen hatten. Mit der vorgesehenen Recyclingquote von 70 Prozent sowie einer subsidiären Rücknahmepflicht für Industrie und Handel wird es erstmals verbindliche Zielvorgaben für den Getränkekarton geben. Für das Getränkekarton-Recycling und für unseren Verein, der sich seit Jahren für solche regulatorischen Rahmenbedingungen einsetzt, war dies ein echter Meilenstein. Zum anderen war es der Start unserer nationalen Awareness-Kampagne, dem unzählige Meetings, Korrekturrunden und Kaffeepausen vorausging. Unsere Kampagne auf den Bildschirmen am Hauptbahnhof zu sehen – im Wissen um all die Arbeit, die dahintersteckt – hat mich tief berührt, ganz zu schweigen von den unzähligen positiven Rückmeldungen, die uns in den Folgewochen erreichten.
Und dann gab es natürlich noch viele weitere schöne Momente; vor allem im Team und in der Arbeit mit dem Ausschuss. Mit Menschen zusammenzuarbeiten, die am gleichen Strick ziehen, ist nicht nur motivierend, sondern macht auch grosse Freude.
Wie sieht dein Arbeitsalltag als Geschäftsführerin
bei GKR aus?
Tatsächlich sehr abwechslungsreich – und genau das macht die Arbeit so spannend. Als Verein bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Entsprechend arbeiten wir mit sehr unterschiedlichen Anspruchsgruppen zusammen: von Bundesstellen und Politikerinnen über Hersteller und Detailhandel bis hin zu Recyclingbetrieben sowie Konsumentinnen und Konsumenten. Je nach Thema ist der Austausch eher strategisch und politisch geprägt oder dann sehr operativ und technisch. Diese Vielfalt prägt meinen Arbeitsalltag und erfordert, immer wieder zwischen Perspektiven zu wechseln und Lösungen zu entwickeln, die für alle Seiten tragfähig sind.
Pflegst du in deinem Arbeitsalltag Rituale? (Falls ja; welche?)
Kaffeetrinken ist ganz wichtig (lacht).
Was ist deine Motivation, das Getränkekarton-Recycling in der Schweiz voranzutreiben?
Die Schweiz verfügt über ein hochentwickeltes und leistungsfähiges Recyclingsystem. Trotzdem landet ein Grossteil der Getränkekartons noch immer in der Verbrennung, obwohl sie problemlos stofflich verwertbar sind. Getränkekartons bestehen aus wertvollen Rohstoffen. Diese ungenutzt zu verlieren ist ökologisch wie wirtschaftlich unsinnig – insbesondere vor dem Hintergrund von Kreislaufwirtschaft, Ressourcensicherheit und Klimazielen. Was mich antreibt, ist aber nicht nur der Umweltgedanke. Es ist auch die Frage von Fairness und Systemlogik. In anderen europäischen Ländern ist die Sammlung und Verwertung von Getränkekartons längst Standard. In der Schweiz hingegen sind sie durch regulatorische Lücken zwischen die Stühle geraten. Das zu ändern, heisst für mich: ein funktionierendes System endlich konsequent zu Ende denken – mit klar geregelten Verantwortlichkeiten und einer langfristig gesicherten Finanzierung.
Wo siehst du aktuell die grössten Herausforderungen fürs Getränkekarton-Recycling in der Schweiz?
Ich denke, die grösste Herausforderung liegt weniger in der Technik als vielmehr im Alltag der Menschen. Getränkekartons sind gut recycelbar; aber nur, wenn sie auch tatsächlich gesammelt werden. Und dafür braucht es vor allem eines: Convenience. Verhaltensänderungen sind anspruchsvoll. Menschen machen im Alltag das, was intuitiv und etabliert ist. Wenn die Sammlung kompliziert wirkt, wird sie nicht genutzt, selbst wenn die ökologische Motivation vorhanden ist. Darum ist der flächendeckende Ausbau der Sammelinfrastruktur so entscheidend. Je einfacher und selbstverständlicher die Rückgabe wird, desto höher ist die Beteiligung. Parallel dazu braucht es Information und Sensibilisierung. Die Menschen müssen verstehen, dass es einen echten Unterschied macht, wenn sie die Verpackung richtig entsorgen. Erst wenn beides zusammenkommt – ein beque
mes System und glaubwürdige Kommunikation – kann sich das Verhalten nachhaltig verändern.
Was wünschst du dir fürs Getränkekarton-Recycling in der Schweiz für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass diese Frage in ein paar Jahren nicht mehr gestellt wird, weil das Recycling von Getränkekartons in der Schweiz selbstverständlich geworden ist. So selbstverständlich wie das Sammeln von PET oder Glas. Dass jede Konsumentin und jeder Konsument weiss: Diese Verpackung gehört nicht in den Abfall, sondern zurück in den Kreislauf. Gleichzeitig wünsche ich mir klare und verlässliche Rahmenbedingungen, damit alle Marktteilnehmer ihren Beitrag leisten und nachhaltige Recyclinglösungen langfristig gesichert sind.




